Wien (PK) – Das Parlamentsgebäude war zu Ende des Zweiten Weltkriegs
durch
Bombentreffer und Brandlegungen schwer beschädigt. Die Bibliothek des
Hauses, die Seite Reichsratsstraße im Erdgeschoss untergebracht war,
hatte die Kriegsjahre zwar wider Erwarten überdauert. Die Bauschäden
führten aber dazu, dass die Bücher direkten Bedrohungen ausgesetzt
waren. Der Parlamentsmitarbeiterin Hilda Rothe, die sich bereits
während der NS-Zeit hartnäckig für den Fortbestand der Bibliothek
eingesetzt hatte, ist es hauptsächlich zu verdanken, dass die
Bibliothek den besonders schwierigen Sommer 1945 ohne größere Schäden
überstand.
Ungebetene „Besucher“ in der Bibliothek
Ein Schreiben der Bibliothekarin vom Mai 1946 gibt einen kleinen
Einblick in die Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert war. So
seien etwa immer wieder aufgrund der fehlenden baulichen
Sicherungsmaßnahmen „Angehörige einer Besatzungsarmee nach Belieben
durch die Fenster in die Bibliothek eingestiegen, hatten in den
Büchern gestöbert, sie verstellt, Bündel von Seiten herausgerissen
oder sogar – weit gefährlicher – angezündete Bücher in die Stellagen
wieder eingestellt“. Rothes Brief liefert keine weitere Erklärung
über diese Akte des Vandalismus. Eine naheliegende Vermutung ist,
dass es sich um sowjetische Soldaten handelte, die auf der Suche nach
Papier für ihre selbstgedrehten Zigaretten waren. Rothe hielt sich
jedenfalls zugute, dass sie mit ihrer Anwesenheit diese Vorgänge
unterbinden habe können.
Tatsächlich war Rothe rund um die Uhr an ihrem Arbeitsplatz
anwesend: Die Gebäudeverwaltung hatte es nämlich im Sommer 1945 als
„zweckmäßig“ befunden, der Bibliothekarin ein Zimmer in der
Parlamentsbibliothek als Wohnung zuzuweisen. So konnte Rothe immer
ein Auge auf die Bücher halten, und man löste auch die Wohnungsfrage
der Bibliothekarin, deren eigene Wohnung von der US-Militärbehörde
beschlagnahmt worden war. Rothe zog mit ihrer 77-jährigen Mutter und
ihrer Schwester in ein Dienstzimmer der Bibliothek und blieb dort bis
1950. Danach übersiedelte sie in andere Räume im Parterre des
Parlamentsgebäudes, nunmehr ohne Mutter und Schwester, die in der
Zwischenzeit verstorben waren.
Eine bibliothekarische Karriere
Wer war nun diese Bibliothekarin, die sich mit „unerschrockenem
Einsatz“, wie es in einer Würdigung 1956 hieß, den respektlosen
Papierdieben entgegenstellte? Im Grunde wissen wir nur recht wenig
über sie. Hilda Rothe wurde am 30. April 1893 in Wien geboren. 1917
erwarb sie ein Doktorat der Philosophie und legte eine
Lehramtsprüfung in Englisch ab. 1920 begann sie, in der
Parlamentsbibliothek zu arbeiten. Sie war damit die einzige Frau mit
Hochschulabschluss im Inneren Dienst des Parlaments.
In den weiteren Jahrzehnten machte Rothe alle Höhen und Tiefen
dieser wichtigen Fachbibliothek mit, deren Anfänge sich bis in das
Jahr 1869 zurückverfolgen lassen. Bis zu ihrer Pensionierung 1956
durchlief sie alle Beförderungsstufen, bis hin zur
„Oberstaatsbibliothekarin“ im Jahr 1954. Nur der Sprung in eine
formale Führungsposition blieb ihr vorenthalten. Zwar wurde Rothe im
Jänner 1946 eher beiläufig als „provisorische Leiterin der Parlaments
-Bibliothek“ bezeichnet. Tatsächlicher Leiter wurde aber kurz darauf
Gustav Blenk. 1956 wurde Rothe „krankheitsbedingt“ pensioniert. Am
18. Februar 1967 starb sie in Wien.
Eine Bibliothek übersteht alle politischen Veränderungen
Bereits zu Zeiten der Monarchie hatte die Parlamentsbibliothek
sich aufgrund der guten Arbeit der Bibliothekar:innen – zu denen
unter anderem Karl Renner gehörte – hohes Ansehen erworben.
Bemerkenswerterweise konnten die Bibliotheksmitarbeiter:innen ihre
Arbeit mehr oder weniger ungestört sogar nach dem Ende des
Parlamentarismus 1933 weiterführen. Nach der nationalsozialistischen
Machtübernahme blieb die Bibliothek im nunmehrigen „Gauhaus“ weiter
bestehen, ohne der Wiener NSDAP unterstellt zu sein, die ins Haus am
Ring eingezogen war. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter:innen führten
die Arbeit weiter, Bibliotheksleiter Richard Fuchs und die
Bibliothekarin Hilde Rothe. Neue Bücher wurden sogar weiterhin mit
einem Stempel „Parlamentsbibliothek“ versehen.
Die NS-Gauleitung stellte verschiedene Überlegungen an, was mit
der Bibliothek weiter geschehen sollte. Eine Angliederung an andere
Bibliotheken, aber auch ihre gänzliche Auflösung und die Aufteilung
der Bücher an andere Bibliotheken standen im Raum. Im März 1942
verlor schließlich die Bibliothek im Parlamentsgebäude ihre
organisatorische Eigenständigkeit. Sie wurde der „Administrativen
Bibliothek“ des ehemaligen Bundeskanzleramts untergeordnet. Aus ihnen
sollte in weiterer Folge die „Verwaltungsbibliothek in Wien“ gebildet
werden.
Diese Pläne wurden zwar nie verwirklicht, aber immer wieder
fragten andere Institutionen an, ob man ihnen nicht Bücher oder
wertvolle historische Dokumente der Parlamentsbibliothek „überlassen“
könne. Aus dem Schriftverkehr, den Rothe mit verschiedenen Behörden
führte, ist zu erkennen, wie die Bibliothekarin sich solchen
Begehrlichkeiten widersetzte und versuchte, Entscheidungen zumindest
zu verzögern. Inwieweit man dabei tatsächlich von einem „passiven
Widerstand“ gegenüber dem NS-Regime sprechen kann, muss offen
bleiben, da wir über Rothes Motivation zu wenig wissen. Unbestritten
bleibt, dass sie sich mit großer Hartnäckigkeit für „ihre“ Bibliothek
einsetzte und sie damit einen wesentlichen Anteil am Fortbestand
dieser Institution hatte.
Die Auflösung der Bibliothek war mit fortschreitendem
Kriegsverlauf zwar kein Thema mehr. Das Kriegsende im Frühjahr 1945
brachte aber neue Herausforderungen mit sich. Eine Meldung der
„Parlamentskorrespondenz“ vom 15. November 1956 erinnert daran mit
dem Satz: „Besondere Verdienste hat [Rothe] sich in den Umbruchstagen
des Jahres 1945 erworben, als sie durch ihr pflichtbewusstes
Verhalten massgebend [sic!] an der Erhaltung des Bücherbestandes der
Bibliothek beteiligt war“.
Neben der erwähnten Notwendigkeit, die Bibliothek vor Vandalismus
zu schützen, war eine der Herausforderungen des Jahres 1945 die
Rückgewinnung der institutionellen Selbständigkeit. Nach wie vor
unterstand die Parlamentsbibliothek der „Administrativen Bibliothek“,
die nun wieder dem Bundeskanzleramt zugeordnet war. Bekannt ist etwa,
dass noch nach Kriegsende der Leiter der Administrativen Bibliothek
seine Ansprüche geltend machen wollte und Bücher aus der
Parlamentsbibliothek abtransportieren ließ. Rothe intervenierte
erfolgreich für die Rückgabe der Bücher. In weiterer Folge wurde die
Bibliothek wieder vom Bundeskanzleramt abgetrennt, ihre Beschäftigten
wurden dem Unterrichtsministerium unterstellt. Erst 1971 wurden die
Bibliotheksmitarbeiter:innen dienstrechtlich der Kanzlei des
Nationalratspräsidenten zugeordnet.
Winter 1945/1946: Die Bibliothek ist offen – und ungeheizt
Unter welchen Bedingungen im Winter nach Kriegsende gearbeitet
wurde, beschreibt Rothe in einem Brief im Jänner 1946. An allen Ecken
und Enden wurde gespart und für die Arbeitsbedingungen der
Bibliothekarin gab es wenig Verständnis. So habe man ihr bei Einbruch
der kalten Jahreszeit die Verwendung eines der elektrischen Öfen, die
andere Bedienstete des Hauses sich gönnten, mit Hinweise auf die
drohende Überlastung der Elektrik verweigert. Kein Wunder also, dass
im Katalogsaal der Parlamentsbibliothek Temperaturen „von ungefähr
Null Grad“ herrschten. Unter diesen unzumutbaren Umständen habe sie
sich bereits schwere Erfrierungen an den Fingern zugezogen. Sie
verliere daher gerade mehrere Fingernägel, beschwerte sich Rothe.
Auch die Herstellung der Beleuchtung ließ auf sich warten. Um
überhaupt Licht an ihrem Arbeitsplatz zu haben, sei sie gezwungen
gewesen, auch in der kalten Jahreszeit die Fensterläden offen zu
lassen, obwohl die Fenster der Bibliothek noch unverglast waren.
Rothe berichtet von einer eindeutigen Aussage des Haustischlers auf
ihre Bitte um eine Behebung dieser widrigen Zustände: „Die Bibliothek
bekommt nur dann Fenster, wenn überhaupt Glas übrigbleibt!“. Erst in
der zweiten Dezemberhälfte 1945 wurden zumindest die Außenfenster mit
Fensterscheiben versehen.
Bald nach der Wiederaufnahme des parlamentarischen Betriebs am
19. Dezember 1945 hatte das Parlament auch wieder eine
funktionierende Bibliothek. Für die dafür erbrachten Opfer und ihren
„unerschrockenen Einsatz“ erhielt „Frau Oberstaatsbibliothekar i. R.
Dr. phil. Hilda Rothe“ am 15. November 1956 das Goldene Ehrenzeichen
für Verdienste um die Republik Österreich, das ihr vom damaligen
Nationalratspräsidenten Felix Hurdes überreicht wurde. (Schluss) sox
HINWEISE: Weitere Informationen zur Parlamentsbibliothek , zur
Bibliothekarin Hilda Rothe sowie Fotos zu ihrer Geschichte finden Sie
auf der Website des Parlaments.
Das Parlament beleuchtet 2025 drei Meilensteine der
Demokratiegeschichte. Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, vor
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trat Österreich der EU bei. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt
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