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IV-Konjunkturbarometer: Wellblech-Konjunktur bremst Dynamik der Industrie

Wien (OTS) – Trotz anhaltender geopolitischer Unsicherheit
präsentiert sich die
internationale Konjunktur überwiegend robust. In seinem neuesten
Konjunktur-Update rechnet der Internationale Währungsfonds (IMF) mit
einer nur leicht auf 3,0% abgeschwächten Expansion des globalen
Wachstums. Allerdings fällt die Betroffenheit regional
unterschiedlich aus. In China flachte das BIP-Wachstum nach einem
recht dynamischen Start mit 5,0% im ersten Quartal gegenüber dem
Vorjahr auf 4,3% im zweiten Quartal ab.

In der Europäischen Union hingegen schwächte sich das Wachstum
schon im ersten Quartal auf 0,7% ab. Den stärksten BIP-Einbruch
verzeichnete Irland, während Deutschland und Italien – nicht zuletzt
aufgrund steigender Verteidigungsausgaben – ein leichtes Wachstum von
0,3% zum Vorquartal schafften. Infolge des erneuten
Energiepreisschocks und einer anhaltenden Konsumzurückhaltung ist im
zweiten Quartal jedoch mit einer weiteren Abschwächung der Dynamik in
der Europäischen Union auf unter 0,5% im Vorjahresvergleich zu
rechnen.

Anders stellt sich die Situation in den USA dar: Nach einem
annualisierten Wachstum von 2,1% im ersten Quartal deuten Now-Casting
-Analysen auf eine nur leicht geminderte Wachstumsdynamik hin. Dies
ist auf eine Kombination aus enormen hohen Investitionsausgaben im
Technologiesektor, der Nettoexportposition bei fossilen
Energieträgern und eine nach wie vor stark expansive Fiskalpolitik
zurückzuführen.

Die relative konjunkturelle Stabilität wird jedoch mit einem
hohen Preis erkauft: Rasch anwachsende Staatsschulden mit steigenden
Verschuldungsquoten einerseits und eine inakzeptabel hohe Inflation
andererseits. Der Internationale Währungsfonds erwartet eine globale
Verbraucherpreisinflation in Höhe von 4,7% im Jahr 2026. Daher werden
sich die Finanzierungskosten der wachsenden Staatsschulden
tendenziell weiterhin ungünstig entwickeln, was bei den öffentlichen
Haushalten längerfristig einen zunehmenden Finanzierungsstress zur
Folge haben wird, sofern nicht zeitnah gegengesteuert wird.

Hausgemachte Bremsen verschärfen die Lage

Dabei sind es nicht nur die volatilen geopolitischen
Rahmenbedingungen, unter denen die exportorientierte österreichische
Industrie leidet, sondern die schwache Erholungsdynamik ist auch auf
binnenmarktinterne Faktoren zurückzuführen: höhere
Finanzierungskosten bremsen die Investitionstätigkeit, was im Wohnbau
besonders augenfällig wird, übermäßige Regulierung belastet die
kostenseitige Wettbewerbsfähigkeit, und mangelnde strukturelle
Reformbereitschaft bremst die Chancenwahrnehmung hierzulande, nicht
zuletzt in der Verteidigungsindustrie.

„Zwei Beispiele zeigen, wo wir Chancen für Investitionen aktuell
liegen lassen: Zum einen in der Sicherheitsbranche, wo Europa massiv
investiert und österreichische Unternehmen aufgrund rechtlicher
Hürden nur bedingt partizipieren können, und zum anderen bei
Investitionsanreizen, wie beispielsweise Superabschreibungen. Es
braucht in beiden Fällen den politischen Umsetzungswillen. Mit der
Industriestrategie gibt es einen gemeinsamen Rahmen – gehen wir den
Umsetzungsweg konsequent dynamisch weiter – bei der raschen
Ausgestaltung des Scale-up Dachfonds, der Reform der Rot-Weiß-Rot-
Karte und dem Abschluss weiterer Investitionsschutz- und
Handelsabkommen“, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.

IV-Konjunkturbarometer fällt auf 4,9 Punkte

„Gesamthaft betrachtet ist die konjunkturelle Lage durch ein
hohes Maß an Heterogenität sowohl im Vergleich der Volkswirtschaften
als auch der Branchen geprägt. Im Zeitverlauf bietet sich das Bild
einer leicht positiv ausgerichteten Wellblechkonjunktur“, fasst IV-
Chefökonom Christian Helmenstein die aktuelle Lage zusammen.

Vor diesem Hintergrund fällt das IV-Konjunkturbarometer als
Durchschnitt der Einschätzungen der aktuellen Geschäftslage und jener
in sechs Monaten von +11,5 Punkten auf +4,9 Punkte zurück, vermag
sich aber noch oberhalb der Nulllinie und damit geringfügig oberhalb
des Stagnationsniveaus zu halten.

Bei der Komponente der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage
in der Industrie sinkt der Saldo für den Teilindikator hingegen
weiter von +8 Punkten auf +5 Punkte, nachdem schon das Vorquartal
schwächer ausgefallen war. Ebenso büßt der Saldo der
Geschäftserwartungen ein und bildet sich von +15 Punkten auf nur noch
+4 Punkte zurück. Die Unternehmen revidieren mithin ihre
mehrheitliche Erwartung, dass das Gros der Belastungen aus dem Krieg
am Persischen Golf binnen eines Quartals überwunden werden kann, und
stellen sich nunmehr auf eine längere Phase der Angebotsverknappung
bei Lieferungen über die Straße von Hormus ein.

Die Ergebnisse im Detail

Zuversichtlich für eine nicht erneut in die Stagnation
abgleitende Industriekonjunktur in Österreich stimmt der Indikator
der Gesamtauftragsbestände. Der Saldo von +15 Punkten liegt gegenüber
dem Vorquartal stabil, ebenso der Saldo bei der Subkomponente der
Auslandsaufträge. Hier verharrt der Saldo unverändert bei +13
Punkten. Die Auftragslage sollte in den kommenden Monaten durch die
leichte Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar innerhalb eines
Jahres im Ausmaß von gut 2% und die von der Europäischen Kommission
zum Schutz der europäischen Produktion etwa im Stahlbereich
ergriffenen Maßnahmen unterstützt werden.

Angesichts des wieder eingetrübten Konjunkturbildes sinken die
kurzfristigen Produktionserwartungen in der Industrie abermals,
wenngleich nur noch geringfügig, auf einen saisonbereinigten Saldo
von lediglich noch +2 Punkten nachdem sie ein halbes Jahr zuvor noch
bei +11 Punkten angesiedelt waren.

Dementsprechend bleibt die Beschäftigungssituation in der
Industrie herausfordernd. Der Saldo der Beschäftigungsaussichten
zeigt erneut nach unten und fällt von -15 Punkten auf -20 Punkte und
bleibt damit weiterhin in rotem Terrain. Der Stellenabbau in der
Industrie hält an und reflektiert die exorbitant hohen
Lohnstückkostendynamiken der letzten Jahre. Die Einstellungsneigung
der Unternehmen hat sich zu diesem Termin nochmals verringert – nur
noch jedes zwölfte Unternehmen hat die Absicht, seinen
Beschäftigtenstand auszuweiten, während mehr als jedes vierte
Unternehmen angibt, Beschäftigte abbauen zu müssen.

Die kriegsbedingt erneut aufgeflammte Kostendynamik zwingt die
Unternehmen zu einer Erhöhung ihrer Verkaufspreise , wenngleich sich
der Saldo aufgrund der hohen Wettbewerbsintensität, die nur einer
Minderheit der Unternehmen eine Kostenüberwälzung erlaubt, leicht von
+10 Punkten auf nunmehr +7 Punkte verringert.

Die Vielzahl an konjunkturellen und strukturellen Belastungen
schlägt sich in der aktuellen Ertragslage der Unternehmen nieder. Der
Saldo stellt sich auf -11 Punkte. Er nähert sich damit wieder der
Nulllinie von unten her an, doch übersteigt der Anteil der
Unternehmen, die sich in einer schwierigen Ertragssituation befinden,
den Anteil jener mit einer günstigen Ertragssituation um 65%.

Trotz der zusätzlichen Unsicherheiten und Belastungen in Bezug
auf den weiteren Geschäftsverlauf stabilisieren sich die
Ertragserwartungen auf Sicht von sechs Monaten bei einem Saldo von +3
Punkten nach zuvor +1 Punkt auf sehr niedrigem Niveau. Dieses
Ergebnis ist aber nicht darauf zurückzuführen, dass der Anteil der
Unternehmen mit positiver Ertragserwartung zugenommen hätte – das
Gegenteil ist der Fall –, sondern dass der Anteil der Unternehmen,
die eine noch weitere Verschlechterung ihrer Ertragslage im nächsten
Semester erwarten, von 17% auf 13% zurückgegangen ist.

Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befragungsmethode

An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung
beteiligten sich 388 Unternehmen mit rund 277.500 Beschäftigten. Bei
der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung:
Den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv,
neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten)
Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der
konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und
negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.