Apfelstrudel: Österreichs süßer Klassiker im Wörterbuch

Wien (OTS) – Goldbraun gebacken, hauchdünn ausgezogen und saftig mit
Äpfeln
gefüllt: Neben Kaiserschmarren und Sachertorte zählt der Apfelstrudel
zu den Klassikern der österreichischen Küche. Doch in der beliebten
Mehlspeise steckt weit mehr als kulinarische Tradition, sie erzählt
auch eine erstaunliche Sprach- und Kulturgeschichte. Pünktlich zum
Tag des Apfelstrudels am 17. Juni nimmt Christiane Pabst,
Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs, das im
Österreichischen Bundesverlag (öbv) erscheint, den Klassiker aus
sprachlicher Perspektive unter die Lupe.

Zwtl.: Ein Wort, das sich dreht

Schon der Name verrät einiges: „ Das Wort ‚Strudel‘ lässt sich
bis ins Germanische zurückverfolgen und bedeutet so viel wie
‚Wirbel‘, also etwas, das sich dreht „, erklärt Christiane Pabst.
Erst im 17. Jahrhundert übertrug man den Begriff auf Teigspeisen, die
wie ein Wirbel gedreht wurden. Das Wort machte sogar Karriere im
Ausland: „ Es wurde ins Tschechische entlehnt, wo es bis heute den
‚Štrudel’ gibt. Allerdings verwendet es man dort für all das, was wir
Schnecke nennen „, so Pabst. Später bezeichnete ein Strudel ganz
allgemein Teigspeisen, deren Füllung von einer Hülle umgeben ist.

Auch der „Apfel“ führt sprachlich weit in die Vergangenheit: Das
Wort geht ebenfalls bis ins Germanische zurück. Ob das Wort davor aus
einer anderen Sprache entlehnt wurde, kann man nicht mehr
rekonstruieren. „Der Apfel hatte immer eine besondere Symbolkraft“,
sagt Pabst. „ Liebende schenkten einander einen Apfel, der goldene
Apfel lag als Zeichen der Macht in der Hand von Herrschern – und der
Biss in den Apfel kostete Eva bekanntlich das Paradies. “

Zwtl.: Vom herzhaften Gericht zum süßen Liebling

Dass der Apfelstrudel heute als Inbegriff der Wiener Küche gilt,
ist keineswegs selbstverständlich. Die Technik des hauchdünn
ausgezogenen Teigs stammt ursprünglich aus dem arabischen Raum und
gelangte über das Osmanische Reich und Ungarn oder – darüber gibt es
unterschiedliche Berichte – über den Balkan nach Österreich. Lange
galt der Strudel vor allem als herzhafte Speise. Erst Kaiserin Maria
Theresia hatte ein Faible für süße Füllungen und machte sie
salonfähig – darunter den Apfelstrudel, den sie freilich nur mit
ausgezogenem Teig kannte.

„ Maria Theresia verdanken wir also nicht nur die Gründung des
Österreichischen Bundesverlags, sondern indirekt auch den süßen
Strudel auf unseren Tellern „, schmunzelt Pabst. Das älteste bekannte
Rezept für einen ausgezogenen Apfelstrudel stammt übrigens aus dem
Jahr 1696 und liegt heute in der Wienbibliothek im Rathaus.

Zwtl.: Maschanzker, Chrysofsker & Kronprinz Rudolf

Doch auch die Apfelsorte macht einen Unterschied. Wer schmecken
möchte, wie Apfelstrudel zu Maria Theresias Zeiten geschmeckt haben
könnte, greift am besten zum Steirischen Maschanzker. Auch sein Name
erzählt Sprachgeschichte: Er geht auf das tschechische „míšenské
jablko“, den „Meißner Apfel“, zurück. Eine weitere damals verbreitete
Sorte war der Rote Jungfernapfel, der wegen seiner kreuzförmig
angelegten Fruchtkammern auch „Chrysofsker“ genannt wurde, ebenfalls
aus dem Tschechischen abgeleitet. Heute kommt für Apfelstrudel gerne
der Kronprinz Rudolf zum Einsatz, eine traditionsreiche Apfelsorte,
benannt nach einem Ururgroßenkel der Kaiserin. So steckt in jedem
Bissen Apfelstrudel auch ein Stück österreichische Sprachgeschichte.